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20080803-steinerRudolf Steiner (1861-1925) behauptete von sich, Hellseher zu sein – der grösste aller Zeiten gar. Mittels „Schauungen“ erfand er eine obskure Welt aus Kobolden, Elfen und Wichtelmännchen, in der sich „Wesenheiten“ von Gut und Böse, „Kräfte des Lichts“ und der „Finsternis“ in Gestalt von Engeln, Dämonen und Elementarwesen gegenüberstanden. Er lauschte Gesprächen zwischen Jesus und Buddha, erkannte, dass es in Wirklichkeit zwei Sonnen gäbe und „der Mensch auf dem Planeten Staturn schon vorhanden war“. Durch seinen Zugang zu „höheren geistigen Welten“ und seiner angeblichen Fähigkeit, in der sagenumwobenen Akasha-Chronik lesen zu können, welche in immaterieller Form ein allumfassendes, kosmisches Weltengedächnis sei, erhob er den Anspruch, dass seine Wahrnehmungen real seien. Seine „übersinnlichen“ Vorstellungen von einem „Geisterlande“ nannte Rudolf Steiner „Geisteswissenschaft“ oder auch „Geheimwissenschaft“, die Ergebnisse seiner „Geistesforschung“ Anthroposophie – wörtlich: „die Weisheit vom Menschen“.

Im Gegensatz zu anderen esoterischen Strömungen bestand der Meister auf der Feststellung, seine okkulten Lehren seien „wissenschaftlich“ und intersubjektiv überprüfbar. Jeder, der seinem Erleuchtungsweg folgen würde, käme zu übereinstimmenden Ergebnissen. Seit Steiners Tod im Jahre 1925 hat jedoch niemand auch nur annähernd seine hellseherischen „Fähigkeiten“ erlangt. So hat es – trotz entschlossener Anstrengungen tausender Anthroposophen – bisher keiner geschafft, die Akasha-Chronik zu lesen. Damit wird die Anthroposophie in ihrem Wesen zu einer „Ein-Mann-Wissenschaft“, deren Grundlagen nur Steiner „erkannt“ hat und die von anderen nur „geglaubt“ werden kann. Die „Weisheit vom Menschen“ ist somit nichts anderes als die sonderbare „Weisheit“ des Menschen Rudolf Steiner. Daher verwundert es auch nicht, dass kein einziger Satz aus Steiners 95’000 Buchseiten umfassenden Gesamtwerk in irgendeiner wissenschaftlichen Disziplin auch nur die geringste Bedeutung erlangte – seine „Erkenntnisse“ spielen ausserhalb der anthroposophischen Parallelwelt schlicht keine Rolle. Es gibt im Rahmen einer seriösen Wissensvermittlung auch keinen Anlass, die „geistigen Schauungen“ eines „Hellsehers“ zu behandeln, die ausnahmslos kontrafaktische Wahnvorstellungen beinhalten. Ausschliesslich auf die Schauungen ihres geistigen Führers gestützt versucht die Anthroposophie, heute wie vor hundert Jahren, die gesamte Welt zu deuten.

Menschen, die den verquerten Aussagen des Meisters zu folgen gewillt sind, nennen sich Anthroposophen. Sie sehen in den kruden „geisteswissenschaftlichen“ Ergüssen Rudolf Steiners einen“ Schatz“ und versuchen, seinem Erkenntnissweg zu folgen, indem sie sich darin üben, jedes kritische („materialistische“) Denken zu überwinden. Sie preisen den Guru als „Universalgenie“ und schicken ihre Kinder an „freie“ Waldorf-/Steinerschulen, wo die Kinder vor den „Gefahren“ der modernen Gesellschaft (Eis essen, Fussball spielen und Fernsehen) geschützt nach den Vorgaben des grossen Sehers unterrichtet werden. Anthroposophen ernähren sich mit „ganzheitlich“ angebauten Demeter-Produkten, deren Wachstum – nach Steiners Vorgaben – mit eingegrabenen Hornspänen (um die Erde für die kosmische Strahlung durchlässig zu machen) befördert wird. Sie vertrauen ihre Gesundheit der anthroposophischen Medizin an, die im wesentlichen auf jenen 300 Präparaten beruht, die Rudolf Steiner in einem (!) Jahr erfand und die, zubereitet auf rituellem Wege, aus pflanzlichen und tierischen Bestandteilen hergestellt werden: Bienen und rote Ameisen beispielsweise müssen lebend zermalmt oder püriert werden, um ihre „Lebenskraft“ in das Medikament zu übertragen. Getreu Steiners Krankheitsverständnis, wonach jede Krankheit ihre Wurzeln in vergangenen Erdenleben hat, kann der Arzt jedoch ohnehin nicht gegen die Schicksalsbestimmung des Karmas anheilen.

Kritisches Hinterfragen der  Ideologie des „Dr. Steiners“ ist in anthroposophischen Kreisen ebenso verpöhnt wie jede Art von vernunftorientiertem (=“materialistischem“) Denken. Rudolf Steiner sagte, „jede Kritik, jedes richtende Urteil vertreiben ebenso sehr die Kräfte der Seele zur höheren Erkenntnis, wie jede hingebungsvolle Ehrfurcht sie entwickelt“. So verwundert es auch nicht weiter, wenn Aussagen wie „Was ist die Hirnmasse? Die Hirnmasse ist einfach zu Ende geführte Darmmasse. Verfrühte Gehirnabscheidung geht durch den Darm.“ oder Erkenntnisse wie „Man darf sich aber diese vier Planeten, Saturn, Sonne, Mond, Erde, nicht als vier voneinander getrennte Planeten vorstellen, das wäre ganz falsch. Es sind vier Erscheinungszustände eines und desselben Planeten.“ keine Verwirrung oder irgendwelche Zweifel am Geisteszustand des Meisters bei seinen Schülen auslösen, sondern in Arbeitsgruppen beflissen versucht wird, dennoch einen tieferen Sinn in seinen Worten zu finden.

Dieser Blog befasst sich mit der „Geisteswissenschaft“ Rudolf Steiners und dem aktuellen Wirken der Anthroposophen aus einer kritischen Perspektive. Kritik ist gemäss der Philosophin Anne-Barb Hertkorn „eine Grundfunktion der denkenden Vernunft und wird, sofern sie auf das eigene Denken angewandt wird, ein Wesensmerkmal der auf Gültigkeit Anspruch erhebenden Urteilsbildung.“

Kommentare
  1. Ich habe dein Blog schon länger im Blick, gefällt mir gut. Meine katastrophalen Erfahrungen in der anthroposophischen Drogentherapie Siebenzwerge in Salem am Bodensee habe ich hier dokumentiert: http://siebenzwerge-report.info/

  2. Novalis sagt:

    Es ist nicht wahr, dass die Übungen von RS zu keinem Ergebnis führen. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Dass man es aber nicht soweit schafft wie RS, ist jeden einzelnen klar, der sich wirklich, vorurteilslos und kosequent bemüht. Der Grund muss nicht unbedingt bei RS liegen.

    Man muss auch bedenken, dass, falls jemand wirklich zu gewissen Einsichten in der geistigen Welt kommt, nicht unbedingt davon berichten müsse und dass diese Erlebnisse oft nur einen intimen Wert haben, den die Umwelt nur verhöhnen würde.

    Zu den Zitaten am Ende vom Text, kann ich sagen: einseitig und aus dem Kontext gerissen.

  3. Mr. MIR sagt:

    Ramen, so schauen wie der alte Rudi kann ich auch!

  4. Seltsam, daß in Zeiten der höchsten Technisierung und Materialisierung die Psychiatrien
    voll von Menschen sind, die mit dieser, auf die Materie begrenzten Welt, nichts anfangen können.
    Steiner als Hasskomplex, weil die Autoren selbst keine Begabungen dieser Art haben ?
    Äußeres Glück als Daseinszweck und Mensch als materielle Maschine, diese Suggestion kommt
    nicht überall gut an, weil es dem Menschen die Seele raubt und Zynismus und Sarkasmus
    dem Menschen das letzte bißchen Menschlichkeit nehmen, derer er fähig ist. Alles, was nicht in den Kram paßt, alles, was nicht dem Mainstream folgt, muß vernichtet werden.
    Die Natur wird vernichtet mit zuviel Dünger, die Wälder abholzt und in der verbleibenden Wüste, Erde genannt, kann kaum noch Leben existieren. Eine Welt ohne Schönheit, ohne Sinn.
    Gottesverhöhnung und Negieren einer anderen, mehr geistigen Welt, wo darf denn sowas sein,
    da muß die Vernichtungsmaschinerie her, da muß verlacht werden, ohne Nachzudenken, die Zombies der Vernunft, die Aliens der Gewalt vernichten alles, es darf nichts bleiben außer Haß, Kälte und Leere. Computerspiele mit viel Blut, Zerrissene Arme und Beine in den Alltag reingenommen wie Selbstverständlichkeit, wer so etwas in die Welt setzt, braucht sich über eine Eiseskälte im Innen und Außen für die Zukunft nicht wundern.

  5. jemseneier sagt:

    immer wenn ich dieses Bild sehe fällt mir der Satz ein: „würden Sie diesem Menschen ihr Kind anvertrauen“…

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