Archiv für die Kategorie ‘Geisteswissenschaft’

Die folgende Biografie Judith von Halles stammt von Gudrun Deterding Gundersen, einer Eurythmistin aus Nesodden/Norwegen.

Judith von Halle wurde 1972 in Berlin geboren, als einziges Kind ihrer jüdischen Eltern. Hebräisch lernte sie schreiben und lesen als sie vorbereitet wurde zur Bath-Midsvar, der jüdischen Konfirmation. Es war ihr die geistige Welt von Anfang an wohl vertraut; diese war in ihr so stark gegenwärtig, dass sie wie in zwei Welten lebte: in der eigentlichen geistigen Heimat und die hiesige Welt, die sie die „Theaterbühne des Lebens“ auch heute noch nennt. Sie dachte als Kind, dass alle Menschen die gleichen geistigen Erlebnissen hätten wie sie selber, doch musste sie lernen, dass dem nicht so sei und bewahrte daher alles Diesbezügliche im Herzen.
Von der Grundschule ging es zum katholischen Gymnasium (von Jesuiten geführt – sie war ein Kind…dennoch für anthroposophische Demagogen ein gefundenes Fressen…) in Berlin, weiter nach Texas und wieder zurück an die damals neue Berliner J.F.Kennedy Schule, in der sie das Abitur ablegte. Hier lernte sie vor allem das zu der Zeit noch unbekanntere Teamwork kennen.
Das Interesse für Architektur hat sie vom Vater geerbt, weshalb sie ihr Architekturstudium an der Berliner Hochschule der Künste begann. Bald jedoch wechselte sie an die Technische Hochschule über, an welcher Prof. Carl-August von Halle dozierte, dem sie mit besonderer Aufmerksamkeit folgte. Als sie nach einiger Zeit Mitarbeiterin in seinem Architektenbüro wurde, erwies sich dies als schicksals- formendes Geschehen, da er langjähriger Anthroposoph ist und ihr im 25. Lebensjahr das Buch „Theosophie“ von Rudolf Steiners zu lesen gab. Bereits am nächsten Tag fragte sie nach mehr Literatur, denn sie hatte mit ihrer besonderen Geistesgegenwart bereits den ganzen Inhalt in sich aufgenommen. Für sie war dieses Buch das große, erlösende Erlebnis ihres Lebens, denn hier fand sie endlich eine Darstellung in klaren Begriffen von der seit der Kindheit in ihr ständig lebenden geistigen Welt. Sie war überglücklich, endlich Rudolf Steiner, seine Geisteswissenschaft und die Anthroposophie gefunden zu haben. Richtungsweisend für jeden kommenden Tag war diese Stunde des Bekannt- Werdens mit seinem umfassenden Geisteswerke. Von nun an studierte sie dieses und lernte ihre Geisterlebnisse zu benennen, einzuordnen und sie an dem Meister zu prüfen und sich selber auf diese Weise weiter zu entwickeln. 1998 schloss sie das Architekturstudium mit dem Dipl. Ing. ab und arbeitete als Architektin. Später wurde sie Mitarbeiterin des Sekretariates des Rudolf Steiner Hauses in Berlin, wo sie ab 2001 auch Vorträge hielt. 2002 war die Heirat mit Professor Carl-August von Halle.

In der Karwoche 2004 setzte eine Umwandlung des physischen Leibes von Judith von Halle ein, die bis heute angehalten hat. Schon drei Wochen vorher hatten Blutergüsse sich an den Handflächen, erst innen, dann außen gezeigt, als sie dann auch an den Füssen und an der Seite auftraten, wusste sie, was das bedeutete und was auf sie wartete. Karfreitag 2004 brachen die Wundmale Christi in ihrem Leib auf und es war das erste Mal, dass sie das gleichzeitig stattfindende Erlebnis der „Zeitreise“ hatte. Seither erlebt sie jeden Freitag mit unverminderter Kraft und immer wieder neu diese Leidenserlebnisse um Christus-Jesus und das Golgathageschehen. In dem Geleitwort von Judith von Halle zu ihren Büchern beschreibt sie die „Zeitreise“ zum Golgathageschehen folgender Massen: “Es handelt sich dabei also nicht um sogenannte Visionen oder reine Schauungen, auch nicht um Imaginationen, sondern um das Durchleben des tatsächlich auf der Erde Geschehenen . … So kann beispielsweise auch die Sprache gehört, der Boden unter den Füssen, Kälte oder Wärme gefühlt werden.“ – Und jeden Sonntag in der Frühe darf sie teilnehmen an Seiner Auferstehung, welche sie mit solcher Kraft erfüllt, so dass sie bereits seit Ostern 2004 ausschließlich von dieser Auferstehungskraft lebt und entsprechend alle irdisch feste Speise von ihrem Leib als Gift erlebt wird. Einzig Wasser, dem Element, das auf der Erde dem Ätherischen entspricht, kann sie in kleinen Mengen zu sich nehmen. Sie wird ernährt rein aus der Wirksamkeit des Geistes.

Da Judith von Halle noch jung ist, stellen sich viele Anthroposophen die Frage, wie sie denn ihre Fähigkeiten in diesem Leben aus dem Ich erarbeitet habe. Wir haben es hier offenbar mit einer besonderen Situation innerhalb der Menschheit zu tun. Judith von Halle brachte in diese Inkarnation bereits viele Fähigkeiten aus vergangenen Leben mit, das ja seit Christi Wirken auf Erden möglich geworden ist und welches Rudolf Steiner oftmals beschrieben hat. Bezüglich der Seite ihrer Arbeit als Geistesforscherin schreibt sie:„ Es ist eine schwierige und daher höchst verantwortungsvolle Aufgabe für den Menschen, diese objektive Tatsachen, welche sein Ich jenseits der Schwelle hat aufnehmen können, nun auch in eine wirkliche Erkenntnis zu verwandeln, die ebenso wahrheitsgemäß ist, wie die reine Wahrnehmung zunächst als gegeben vorhanden ist. Immer wieder ist zu überprüfen, ob die geistige Wahrnehmung auch tatsächlich demjenigen Begriff entspricht, dem man sie zuordnet. Erst wenn alle Ergebnisse dieser Prüfung standhalten, darf sich der Schüler der Geisteswissenschaft berechtigt fühlen, diese seine Ergebnisse als Geisterkenntnis weiterzugeben.“ Und diese Seite ihrer Geistesforschung „hat seitdem höchstens eine Verstärkung erfahren.“
Ihr heutiger Leib, der die Zeichen der Stigmatisation trägt und nur von Wasser und Geist ernährt wird, bildet den Keim zu dem, was „Auferstehungsleib“ , auch Phantomleib genannt wird, wie es von Rudolf Steiner dargestellt wird in GA 131 „Von Jesus zu Christus“. Zwei ausführlichere Vorträge darüber findet man in dem ersten Buche von Judith von Halle „Und wäre Er nicht auferstanden …“ in dem auch Peter Tradowsky seine Erkenntnisse darüber beschreibt.

Man kann nur dankbar sein, dass Judith von Halle die Aufgabe angenommen hat ausführlich und mit heutigen Begriffen das Leben Christi und seiner Umgebung uns in Vorträgen und Büchern nahe zu bringen. Es ist für sie die wichtigste Aufgabe, für Sein Wirken Verständnis in den Menschenseelen zu schaffen. Gleichzeitig lebt sie uns heutigen materialistischen Menschen vor, dass der Geist eine so starke Realität ist und wir wirklich aus ihm geschaffen sind, so dass er uns ernähren kann. Die neuen Erkenntnisse, die ihr täglich zugänglich sind zeugen von ihrer ganz zeitgemäßen bewussten Geistessituation. Unser Anteil an diesem Geschehen kann sein, es als eine Erkenntnisaufgabe als Anthroposoph zu bearbeiten, dass wir nicht nur gedanklich die Anthroposophie aufnehmen mögen, sondern durch dieses konkret vorgelebte Beispiel die starke Wirksamkeit des Geistes erkennen und als Wahrheit in dem Gemüte annehmen können, um zu der Kraft des Ernst -Nehmens und bis hin zum Durchführen vorzustoßen.
In ihren Darstellungen legt Judith von Halle ein neues Evangelium für das Bewusstseinsseelenzeitalter dar. Sie kann Einzelheiten aus dem Leben Christi und seiner Jünger schildern, die ihr diese zusammenschauende Möglichkeit von Geistesforschung und konkretem Erleben durch die Zeitreisen geben. Auch kann sie das Leben und Wirken dieser Individualitäten um Christus durch folgende Inkarnationen darstellen. All dieses ist für uns sichtbar mit Leidenserlebnissen von ihrer Seite verbunden und bezeugt auch so die Wahrheit. Da sich die Tiefe der Ereignisse um das Christusgeschehen dem Zuhörer oder Leser nur erst langsam erschließen kann, ist ein mehrmaliges Lesen der von ihr geschriebenen Texte empfehlenswert.

Nesodden in Norwegen, Advent 2006;
Gudrun Deterding Gundersen, Eurythmistin und Mutter.

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daemonenkind3Falls Sie beabsichtigen, ihr Kind an eine Waldorf-/Steinerschule zu schicken, sollten Sie bedenken, dass Rudolf Steiner einigen Kindern schlicht das Menschsein abspricht und sie zu Dämonen erklärt. Ob ihr Kind ein Dämon ist, erkennen Sie an seinen Ohrläppchen. In diesem Fall sei ihm jedenfalls die staatliche Regelschule empfohlen.

Ein Beispiel anthroposophischer Wahnvorstellungen, Geheimdünkelei und der bis heute anhaltenden, kritiklosen Hörigkeit seiner Jünger gegenüber den kruden Thesen des grossen Meisters beginnt mit der Lehrerkonferenz von Mittwoch, dem 25. April 1923, 16.30-19 Uhr.

Der Schularzt spricht über besondere medizinische Fälle.

Dr. Steiner: Das Mädchen L. K. in der l. Klasse, da wird irgendeine recht schlimme Verwickelung da sein mit dem ganzen Inneren. Da wird auch nicht viel zu machen sein. Das sind diese Fälle, die immer häufiger vorkommen, daß Kinder geboren werden und Menschenformen da sind, die eigentlich in bezug auf das höchste Ich keine Menschen sind, sondern die ausgefüllt sind mit nicht der Menschenklasse angehörigen Wesenheiten. Seit den neunziger Jahren schon kommen sehr viele ichlose Menschen vor, wo keine Reinkarnation vorliegt, sondern wo die Menschenform ausgefüllt wird von einer Art Naturdämon. Es gehen schon eine ganze Anzahl alte Leute herum, die eigentlich nicht Menschen sind, sondern naturgeistige Wesen und Menschen nur in bezug auf ihre Gestalt. Man kann nicht eine Dämonenschule errichten.

X.: Wie ist das möglich?

Dr. Steiner: An sich ist nicht ausgeschlossen, daß im Kosmos ein Rechenfehler geschieht. Es sind doch lange füreinander determiniert die hinuntersteigen den Individualitäten. Es geschehen auch Genera­tionen, für die keine Individualität Lust hat hinunterzukommen und sich mit der Leiblichkeit zu verbinden, oder die sie auch gleich am Anfang verlassen. Da treten dann andere Individuen ein, die nicht recht passen. Aber dies ist wirklich jetzt sehr häufig, daß ichlose Menschen herumgehen, die eigentlich keine Menschen sind, die nur menschliche Gestalt haben, naturgeistähnliche Wesen, was man nicht erkennt, weil sie in menschlicher Gestalt herumgehen. Sie unterscheiden sich auch sehr wesentlich von den Menschen in bezug auf alles Geistige. Sie können es zum Beispiel nie zu einem Gedächt­nis bringen in den Dingen, die Sätze sind. Sie haben eigentlich nur Wortgedächtnis, kein Satzgedächtnis.
Die Rätsel des Lebens sind nicht so einfach. Wenn eine solche Wesen­heit durch den Tod geht, dann geht sie zurück in die Natur, woher sie gekommen ist. Der Leichnam zerfällt; eine richtige Auflösung des Ätherleibes ist nicht da, und das Naturwesen geht in die Natur zu­rück.
Es könnte sein, daß irgendwie automatisch etwas geschehen könnte. Der ganze Apparat des menschlichen Organismus ist da. Man kann unter Umständen in den Gehirnautomatismen eine Pseudomoral züchten.
Man redet sehr ungern über diese Dinge, nachdem wir ohnedies viel­fach gegnerisch angefallen werden. Denken Sie, was die Leute sagen, wenn sie hören, hier wird erklärt, daß es Menschen gibt, die keine Menschen sind. Aber es sind Tatsachen. Wir würden auch nicht sol­chen Niedergang der Kultur haben, wenn ein starkes Gefühl dafür vorhanden wäre, daß manche Leute herumgehen, die gerade da­durch, daß sie rücksichtslos sind, etwas werden, daß die keine Men­schen sind, sondern Dämonen in Menschengestalt.
Aber wir wollen das nicht in die Welt hinausposaunen. Die Gegner­schaft ist so schon groß genug. Solche Dinge schockieren die Men­schen furchtbar. Es hat einen furchtbaren Schock hervorgerufen, als ich genötigt war zu sagen, daß ein ganz berühmter Universitätspro­fessor, der einen großen Ruf hat, daß der, nach einem sehr kurzen Leben zwischen Tod und neuer Geburt, ein wiederverkörperter Neger war, ein Forscher.
Aber diese Dinge wollen wir nicht der Welt verkünden.
( GA300c-1975-S 70 – Konferenzen mit den Lehrern IIIA)

Ein Beispiel, wie devot Anthroposophen mit solch unmenschlichem Schrott des Meisters noch heute umgehen, findet sich im entsprechenden Eintrag auf „Anthrowiki“:

Ichlose Menschen, also Menschenformen, die nur als Menschen in menschlicher Gestalt erscheinen, aber eigentlich keine Menschen sind, da sie kein menschliches Ich in sich tragen, sind ein Phänomen, über das zweifellos nur mit größter Vorsicht gesprochen werden kann. Doch handelt es dabei sich gerade in unserer Zeit um eine geistige Tatsache von größter Bedeutung, vor der man nicht ungestraft die Augen verschließen darf. Rudolf Steiner sah sich in den Konferenzen mit den Lehrern der Waldorfschule darum genötigt, darauf hinzuweisen, dass bereits seit den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts sehr viele ichlose Menschen geboren werden. Da in ihnen kein Ich im menschlichen Sinn wohnt, liegt hier keine Reinkarnation vor, sondern die Menschenform ist erfüllt von einem Naturdämon, von einem Elementarwesen.

Weiter wird „philosophisch“ begründet, weshalb es Menschen geben soll, die in (Steiners) „Wirklichkeit“ gar keine sind:

Philosophisch gesprochen zielt Rudolf Steiner hiermit auf die dem menschlichen Individuum regulär zugehörige geistige Entität, philosophisch auch Entelechie genannt ab, welche so manchem heutigen Menschen in Gestalt des „Ich“ tatsächlich fehlt. Dieses Ich strebt die Höherentwicklung des individuellen Menschen an und das wiederum ist den Ichlosen Menschen offensichtlich nicht möglich, da sie über kein entsprechendes „Geistorgan“ (also kein „Ich“) verfügen. Menschen ohne Ich und damit ohne geistige Entelechie sterben also tatsächlich mit dem Tod. Daher ist bei diesen Menschen der Widerwille gegen jede individuelle geistige Entwicklung und gegen den Gedanken von Reinkarnation und Karma praktisch vorprogrammiert, da ihnen dafür das entsprechende Geistorgan fehlt und da sie ja tatsächlich mit dem Tode endgültig aus dem Kosmos ausgetilgt werden.

Wie aber merken wir nun, ob unser Kind gar kein Mensch, sondern ein Dämon ist? Dieser Frage hat sich der anthroposophische Autor Michael Heinen-Anders angenommen. Bei älteren Menschen ist ein untrügliches Zeichen, dass sie sich ein jugentliches Aussehen bewahrt haben. Bei Kindern weist ein fehlendes oder verkümmertes Ohrläppchen darauf hin.

Wenn man „die äußerst heikle Frage möglicher ichloser Menschen (…) einmal berührt (hat)“, dann ist man auch verpflichtet dazu „Urteilsgrundlagen mitzuteilen“. So zählt zu einem der wesentlichen Erkennungsmerkmale ichloser Menschen, dass sie in der Regel bis ins hohe Alter ein jugendliches Aussehen bewahren. Da ihnen eine Inkarnationsseele aus vergangenen Leben fehlt, so kommt es im Rahmen der vorgeburtlichen Ohr-Bildung häufig zu einem Fehlen oder Verkümmern der Ohrläppchen.
(Michael Heinen-Anders: Aus anthroposophischen Zusammenhängen, 3. Auflage, BOD, Norderstedt 2010, S. 63 – 64)

Dies muss aber nicht immer so sein, da u.U. ein eigentlich für diesen Leib prädestiniertes Ich den Leib bereits übersinnlich bereitet hat. Dazu hat sich Max Hoffmeister in seiner Schrift „Die übersinnliche Vorbereitung der Inkarnation, erschienen 1991 im Verlag „Die Pforte“, Basel auf Seite 110 wie folgt geäussert.

Da aber nun das Embryo schon vorgebildet ist, hat dieses entweder die Möglichkeit im Mutterleibe abzusterben oder aber eine ichlose Naturwesenheit ergreift diesen menschlichen Leib, um in ihm für die Dauer eines Menschenlebens statt eines ichhaften Geistwesens, gewissermaßen stellvertretend einzuwohnen.

Derlei „höhere“ Fragen treiben Anthroposophen, ganz der Tradition ihres Gurus folgend, um. Uneingeweihten bleiben solcherlei „Tatsachen“ verschlossen – vermutlich, weil auch sie über kein entsprechendes „Geistorgan“ (also kein „Ich“) verfügen.

Möglich wäre hingegen auch, dass ihr Kind „in (Steiners) Wirklichkeit“ ein Heuschreckenmensch ist, aber das ist eine ganz andere Frage…

Rudolf  Steiners „Vorträge über Erziehung“, Bände von 293 bis 311

judith-von-halle2Die Anthroposophin Judith von Halle behauptet, seit Ostern 2004 nichts mehr zu essen. Nicht einmal Zahnpasta könne sie verwenden, da die winzigen Mengen des darin enthaltenen Alkohols ihrem Organismus „heftigste Vergiftungserscheinungen“ provoziere. Auch hätten sich nach dem Einstellen der Nahrungsaufnahme ihre Sinneswahrnehmungen geschärft wie bei einem Raubtier. So könne sie über hunderte Meter Entfernung hören, was gesprochen würde und erfühlen, „was in einem fremden Organismus durch den Ernährungsprozess vor sich geht, was vor vielen Stunden gegessen wurde, woher die Nahrungsmittel stammten, welche Beschaffenheit sie hatten, wie sie verarbeitet wurden“. Sie vermöge über ihren „Geruchssinn“ festzustellen, ob ein „erhöhter Eisengehalt“ im Blut eines anderen Menschen vorliege.

Das ist doch schon mal was, mag der geneigte Leser denken, doch damit nicht genug! Alsbald, so gibt sie vor, hätten sich bei ihr die Wundmale von Christus, sogenannte Stigmata, gezeigt. Zunächst an den Innenflächen der Hände, dann an den Handrücken, einige Tage später an den Ober- und Unterseiten der Füsse sowie unterhalb der rechten Brust. Sie habe am eigenen Leib den Leidensweg Jesu nach Golgatha nachempfunden – einschliesslich „der stundenlangen Misshandlungen, Folterungen, schliesslich der Kreuzigung und des Todeskampfes“. Die verstörenden Vorgänge an sich selbst erklärt sie mit den Lehren von Rudolf Steiner. Demnach müsse ihr stigmatisierte Körper „derjenige Leib sein, der den Menschen über die Erdentwicklung hinaus in das Jupiter-Dasein trägt“. Wie der Meister selbst hat sie „Schauungen“ und unternimmt „geistige Zeitreisen“. Im Herbst 2009 behauptete von Halle in einem Vortrag, dass die Infektionskrankheit AIDS die Folge des Glaubens sei, dass der Mensch „vom Affen abstamme“. Die Krankheit Demenz sei die Folge eines „fehlgeleiteten Zeitgeistes“.[1]

Ihre Aussagen führten in der anthroposophischen Szene zu heller Aufregung. Während eine Fraktion Frau von Halle für die Reinkarnation der legendären Ärztin und Steiner-Vertrauten Ita Wegman hält, bringen sie andere mit der Bildhauerin Edith Maryon in Verbindung, die ebenfalls zum innersten Kreis um Rudolf Steiner gehörte. Gemässigtere Anthroposophen begegnen den Phänomenen mit schroffer Ablehnung („Das hat mit Anthroposophie nichts zu tun“). Eine eingesetzte Kommission kam zu dem Ergebnis, dass von Halle Fördergelder zustünden, damit sie ihr Blut- und Hungerleiden in einer Arbeitsgruppe aufarbeiten könne.

Schauen Sie bitte nicht mich als einen Menschen an, an dem ein schier unerklär­liches Wunder wirkt. Bitte schauen Sie auf die geistigen Tatsachen, die diesem Phä­nomen zugrunde liegen. Jede Darstellung über die Ereignisse soll nicht meine Person in den Vordergrund rücken. Da sich diese Ereignisse an mir vollziehen, sind sie mit meinem Wesen verknüpft. Doch es ist stets Christus selbst, der Sie ganz persönlich – in Liebe – anspricht, wenn Sie sich mit diesem Stigmatisations‑Ereignis auseinanderset­zen, das innerhalb der Anthroposophi­schen Gesellschaft aufgetreten ist, indem Er durch Seine Gnade, durch die Lenkung und Stützung Ihres Karmas, Sie selbst zu Zeugen werden lässt von Seinem Gang durch die Erdenwelt, von Seiner Authenti­zität, von Seiner Allgegenwart.
Aus einem Rundbrief von Judith von Halle von September 2004 an die Vertreter der An­throposophischen Gesellschaft

Solcherlei Fragestellungen werfen das Licht auf einen spannenden Aspekt der anthroposophischen Wahnwelt. Alles ist irgendwie möglich und verdient, „untersucht“ zu werden. Geübt im Unterdrücken aller kritischen Fragestellungen saugen Steiners Jünger gierig in sich auf, was skuril und somit „übersinnlich“ erscheint.

Aus dem SPIEGEL: „Eine Berliner Anthroposophin behauptet, seit vier Jahren nichts gegessen zu haben“
http://www.spiegel.de/spiegel/a-568508.html

ZEIT ONLINE: „Das Wunder von Dornach“
http://community.zeit.de/user/amelizieseni%C3%9F/beitrag/2010/01/31/das-wunder-von-dornach

netzhaeuter.de: „Selber denken oder denken lassen“
http://www.netzhaeuter.de/veranstaltungen/selber-denken-oder-denken-lassen

Spatz online: „In Dornach ist der Teufel los“
http://www.spatzbasel.ch/titel-story/in-dornach-ist-der-teufel-los/

Der folgende Text ist von Sven Ove Hansson, Philosoph am königlichen Institut für Technologie in Stockholm und beschäftigt sich mit der Frage, ob die Anthroposophie mit Recht eine Wissenschaft genannt werden kann, wie sie das von sich behauptet. Die Übersetzung von Markus Hammerschmitt wurde von Sven Ove Hansson autorisiert.

von Sven Ove Hansson, Uppsala (aus: Conceptus XXV (1991), No. 64, pp. 37-49)
Übersetzung: Marcus Hammerschmitt

Zusammenfassung

Die Anthroposophie ist eine der erfolgreichsten okkulten Bewegungen in Europa. Dieser Text untersucht ihre Behauptung, eine Wissenschaft zu sein. Zwei Kriterien, die beide vom Gründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner, als gültig angesehen wurden, werden für diese Untersuchung benutzt: (1) Intersubjektivität, und (2) empirische Überprüfbarkeit. Die Anthroposophie scheitert an beiden Kriterien. Die Behauptung, die Anthroposophie sei eine Wissenschaft, ist nicht gerechtfertigt.

Die Anthroposophie, ursprünglich aus der Theosophie erwachsen, ist eine der erfolgreichsten okkulten Bewegungen in Nord- und Mitteleuropa. Sie gewinnt ständig neue Anhänger durch ihre Waldorfschulen, ihre alternative Medizin und ihre pestizidfreie Landwirtschaft. Anthroposophie ist jedoch mehr als eine bloße Ansammlung von sozialen Bewegungen. Ihre Anhänger behaupten, sie sei eine Wissenschaft. Die Stärke und der Einfluß der anthroposophischen Bewegung sind Grund genug für eine Untersuchung der Frage, ob das tatsächlich stimmt. Ein anderer Grund besteht darin, daß präzise und verbindliche Aussagen zu ihrer Wissenschaftslehre verfügbar sind, so daß die Anthroposophie einer philosophischen Analyse zugänglicher ist als die meisten anderen Bewegungen, die ähnliche Ziele und Methoden aufweisen.

1. Das anthroposophische Wissenskonzept

Anthroposophie ist eine Lehre über versteckte, spirituelle Realitäten. Sie fußt fast ausschließlich auf den Lehren ihres Gründers Rudolf Steiner (1861 – 1925). Steiners Ansichten werden in der Praxis der anthroposophischen Bewegung niemals in Frage gestellt, und sehr wenig Neues ist nach seinem Tod dem Gedankengebäude hinzugefügt worden. Steiners Schriften geben auch Auskunft über die Wissenschaftslehre der Anthroposophie. [1]

Steiner bestand darauf, ein Wissenschaftler zu sein. Für seine Wissenschaft benutzte er verschiedene Begriffe in synonymer Weise: „Geheimwissenschaft“, „Göttliche Wissenschaft“, und, in der Mehrzahl der Fälle, „Geisteswissenschaft“.[2] Seiner Ansicht nach soll die „Geisteswissenschaft“ „über Nicht-Sinnliches in derselben Art sprechen, wie die Naturwissenschaft über Sinnliches spricht.“[3] Angeblich funktioniert diese Wissenschaft dadurch, daß sie dem Adepten zu einer Fähigkeit verhilft, spirituelle Realitäten unmittelbar zu schauen, auch „Hellsicht“ genannt. Der Prozeß zur Erlangung dieser Fähigkeit wird als „Einweihung“ bezeichnet.[4] Steiner hat recht detaillierte Richtlinien für die ersten Stadien des Einweihungsprozesses aufgestellt. Manche Menschen verfügen nach Steiner über eine Persönlichkeit, die die Entwicklung der Hellsicht fördert.

„Es gibt Kinder, die mit heiliger Scheu zu gewissen von ihnen verehrten Personen emporblicken. Sie haben eine Ehrfurcht vor ihnen, die ihnen im tiefsten Herzensgrunde verbietet, irgendeinen Gedanken aufkommen zu lassen von Kritik, von Opposition … Aus den Reihen dieser Menschenkinder gehen viele Geheimschüler hervor.“ [5]

Wenn ein Schüler nicht mit dieser Geisteshaltung geboren worden ist, so muß er danach trachten, daß er „durch Selbsterziehung die devotionelle Stimmung energisch in sich zu erzeugen unternimmt“. Denn „jede Kritik, jedes richtende Urteil vertreiben ebenso sehr die Kräfte der Seele zur höheren Erkenntnis, wie jede hingebungsvolle Ehrfurcht sie entwickelt“[6]

Wenn der Schüler seine kritischen Fähigkeiten losgeworden ist, besteht der nächste Schritt darin, tägliche Meditationen durchzuführen. Eine der Meditationen, die Steiner beschrieb, ist, einen Samen zu betrachten und mit dem inneren Auge zu sehen, wie er sich zu einer erwachsenen Pflanze entwickelt. Schritt für Schritt soll das zu der Fähigkeit führen, die potentielle Pflanze in dem Samen zu sehen.[7]

Um Hellsicht zu entwickeln, muß der Schüler ständig seine inneren Tendenzen zu Analyse und Kritik unterdrücken. „Durch solche Verstandesarbeit bringt er sich nur von dem rechtem Wege ab. Er soll frisch, mit gesundem Sinne, mit scharfer Beobachtungsgabe in die Sinnenwelt sehen und dann sich seinen Gefühlen überlassen.“[8] Oder, in anderen Worten:

„Wir müssen uns sagen: unser Denken hört auf, und unser Kopf wird der Schauplatz des Wirkens der höheren Hierarchien.“ [9]

Der Hellseher, auf diese Weise ein Wissender geworden, „hat auch schon das Beweisende erlebt; es kann nichts durch einen von aussen hinzugefügten Beweis geleistet werden.“ [10]

Der erfolgreiche Hellseher wird dramatische geistige Wandlungen erfahren. Vorher war sein Bewußtsein „fortwährend unterbrochen von den Ruhepausen des Schlafes“ [11] Das hat ein Ende. Seine Träume sind nicht länger „verworren und willkürlich. Nun fangen sie an, einen regelmässigen Charakter anzunehmen. Ihre Bilder werden sinnvoll zusammenhängend wie die Vorstellungen des Alltagslebens.“ [12]

Der Hellseher wird Zugang zu Wissen erlangen, das dem Uneingeweihten nicht zugänglich ist. Zum Beispiel wird er die Begrenzungen der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung hinter sich lassen und „die verflossenen Vorgänge in ihrem ewigen Charakter“ [13] erfahren können. Insbesondere wird er die sogenannte Akasha-Chronik lesen können. Sie ist nicht eine Chronik im gewöhnlichen Sinn, also ein historischer Text. Stattdessen besteht sie aus den übersinnlichen Spuren vergangener Ereignisse.

„Die in das Lesen solcher lebenden Schrift eingeweiht sind, können in eine Weit fernere Vergangenheit zurückblicken als diejenige, welche die äussere Geschichte darstellt; und sie können auch – aus unmittelbarer geistiger Wahrnehmung – die Dinge, von denen die Geschichte berichtet, in einer weit zuverlässigeren Weise schildern, als es dieser möglich ist.“ [14]

Steiner las die Akasha-Chronik häufig. Beachtliche Teile seiner umfangreichen Schriften bestehen aus erschöpfenden Nacherzählungen historischer Ereignisse. Er berichtete Details aus Atlantis und anderen verlorenen Zivilisationen. Er korrigierte die christlichen Evangelien, enthüllte die Geheimnisse alter ägyptischer Priester, usw. All das hatte er aus der Akasha-Chronik.

Steiner lehrte auch über viele anderen Wissensgebiete, so zum Beispiel über die Landwirtschaft, die Medizin, die Pädagogik. Seine Wissensquelle war immer dieselbe: Seine eigenen hellseherischen Visionen.

Zwei Möglichkeiten zur Kritik an Steiners Wissenskonzept liegen nahe: 1) erfüllt es das Kriterium der Intersubjektivität nicht, und 2) widersprechen seine Ergebnisse der herkömmlichen Wissenschaft. Steiner war sich dieser Argumente wohl bewußt. Er behauptete ja nachdrücklich, daß seine Methode sowohl das Kriterium der Intersubjektivität erfülle als auch daß ihre Ergebnisse von der herkömmlichen Wissenschaft bestätigbar seien. Das macht es möglich, sein Wissenskonzept anhand zweier Kriterien zu überprüfen, die sowohl von ihm als auch von normalen Wissenschaftlern akzeptiert werden. Betrachten wir zunächst die Frage der Intersubjektivität.

2. Intersubjektivität

Steiner zufolge kommen wahre Hellseher immer zu denselben Ergebnissen. „So gewiss zwei richtig sehende Menschen einen runden Tisch rund sehen, und nicht einer rund und der andere viereckig, so gewiss stellt sich vor zwei Seelen beim Anblicke einer blühenden Blume dieselbe geistige Gestalt.“ [15] Diese Art der Intersubjektivität ist sogar größer als die der empirischen Wissenschaft:

„Und was verschiedene Eingeweihte über Geschichte und Vorgeschichte mitteilen können, wird im wesentlichen in Übereinstimmung sein. Tatsächlich gibt es solche Geschichte und Vorgeschichte in allen Geheimschulen. Und hier herrscht seit Jahrtausenden so volle Übereinstimmung, dass sich damit die Übereinstimmung, die zwischen den äusseren Geschichtsschreibern auch nur eines Jahrhunderts besteht, gar nicht vergleichen lässt. Die Eingeweihten schildern zu allen Zeiten und allen Orten im wesentlichen das Gleiche.“ [16]

Diese Sicht der Dinge mag etwas überraschen, wenn man sich die große Bandbreite okkulter Lehren ansieht, die um unsere Seelen konkurrieren. Und natürlich konnte Steiner nicht leugnen, daß einander widersprechende Lehren als wahres, okkultes Wissen verbreitet werden. Aber das beruhte allein auf den Fehlern, die manche Adepten der Hellseherei gemacht hatten. Wahres okkultes Wissen war für jeden dasselbe, der in der Lage war, es zu erlangen. „Die Verschiedenheit ist nur so lange vorhanden, als sich die Menschen nicht auf einem wissenschaftlich gesicherten Wege, sondern auf dem der persönlichen Willkür den höchsten Wahrheiten nähern wollen.“ [17]

Um festzustellen, ob anthroposophisches Wissen intersubjektiv ist, ist es nicht ausreichend zu behaupten, daß einige Visionen wahr sind und andere nicht. Es müßte ein Methode beigebracht werden, die den Wahrheitswert einer konkreten Vision bestimmen kann. Wenn eine solche Methode dargelegt werden könnte, wäre Intersubjektivität bewiesen.

Steiner stellte in der Tat eine solche Methode vor. Um Fehler zu vermeiden und der Authentizität seiner Visionen sicher zu sein, sollte der angehende Hellseher Rat von einem Lehrer annehmen. „Man lässt sich durch einen Lehrer diejenigen Dinge überliefern, welche durch inspirierte Vorgänger für die Menschheit errungen worden sind.“ [18] In einer sehr erhellenden Passage sagte er:

„Wer, ohne auf bestimmte Tatsachen der übersinnlichen Welt den Seelenblick zu richten, nur „Übungen“ macht, um in die übersinnliche Welt einzutreten, für den bleibt diese Welt ein unbestimmtes, sich verwirrendes Chaos. Man lernt sich einleben in diese Welt gewissermassen naiv, indem man sich über bestimmte Tatsachen derselben unterrichtet, und dann gibt man sich Rechenschaft, wie man – die Naivität verlassend – vollbewusst selbst zu den Erlebnissen gelangt, von denen man Mitteilung erlangt hat.“ [19]

In anderen Worten: Der Adept der anthroposophischen Wissenschaft muß seine Visionen mit denen seines Lehrers und seiner „inspirierten Vorgänger“ vergleichen. Seine eigenen Visionen sind nur wahr, wenn sie mit denen seiner Vorgänger übereinstimmen. Solche Vergleiche sind in der Tat ein notwendiger Teil des anthroposophischen Weges zum Wissen. Steiner sagte, daß „die sichere Führung durch den erfahrenen Geheimlehrer doch noch nicht völlig zu ersetzen ist“. [20]

Man kann sagen, daß dieses Verfahren Intersubjektivität verbürgt. Nehmen wir an, daß jeder Anhänger des anthroposophischen Wissenskonzepts die Authentizität seiner Visionen an der Übereinstimmung mit denen eines Vorläufers bemißt. Nehmen wir weiterhin an, daß sie sich alle denselben Vorläufer zum Maßstab nehmen. Dann ist ihre Methode unleugbar intersubjektiv.

Jedoch verursacht diese spezielle Form mindestens zwei weitere wissenschaftstheoretische Probleme:

(1) Es gibt verschiedene okkulte Vorläufer mit unterschiedlichen Lehren. Wie finden wir auf intersubjektive Weise die authentischen heraus?

(2) Wenn Führung durch einen Lehrer notwendig ist, wo hat der erste okkulte Lehrer sein Wissen her?

Steiner hat sich scheinbar keine Mühe gemacht, auch nur eines dieser beiden Probleme zu lösen. Ohne eine Lösung beider Probleme besteht Steiners Intersubjektivität in der Unterordnung unter eine Autorität, deren überlegener Zugriff auf das begehrte Wissen nur behauptet wird. Das ist in der Tat Intersubjektivität, aber es ist eine autoritäre From von Intersubjektivität.

Dazu kommt ein weiteres Problem in der anthroposophischen Praxis. Seit Steiners Tod im Jahre 1925 hat niemand auch nur annähernd seine hellseherischen Fähigkeiten erlangt. Beispielsweise hat es trotz entschlossener Anstrengungen tausender Anthroposophen scheinbar niemand geschafft, die Akasha-Chronik zu lesen.

Man könnte denken, daß die Anthroposophie, wie sie heute praktiziert wird, hauptsächlich auf den hellseherischen Visionen ihrer aktuellen Anhänger fußt (d.h. Visionen, deren Authentizität durch Übereinstimmung mit den Lehren Steiners verbürgt ist). In der Praxis beruht jedoch nur ein sehr geringer Teil dessen, was Anthroposophen glauben, auf diesen Visionen. Ganz im Gegenteil sind Steiners Bücher und seine stenographisch mitgeschriebenen Vorträge die dominierende Quelle der anthroposophischen Lehre.

Es wäre jedoch falsch anzunehmen, daß dies der Steinerschen Methodenlehre widerspricht. Wenn man die eigenen Visionen nur dann akzeptiert, wenn sie sich in Übereinstimmung mit den Lehren eines „Vorgängers“ befinden, dann kann nichts natürlicher sein, als diese Lehren auch dann zu akzeptieren, wenn man gar keine Visionen gehabt hat. In der Tat ist das genau das, was Steiner all denjenigen riet „welche den Pfad in die übersinnliche Welt nicht beschreiten können und wollen“.21

Hier findet sich eine offensichtliche Parallele zwischen dieser Abkürzung zum Wissen nach anthroposophischer Art und dem herkömmlichen Lernen in Schulen und Universitäten. Wir lernen die Grundgesetze der Mechanik nicht, indem wir Galileis Expermimente oder die Beobachtungen Tycho Brahes in jeder Einzelheit nachvollziehen. Wir tauchen in die altägyptische Geschichte ein, ohne den Versuch unternommen zu haben, ägyptische Hieroglyphen zu entziffern, etc. Wir lernen von „Vorgängern“, deren Ergebnisse in Lehrbüchern zusammengefaßt werden.

Aber trotz dieser Ähnlichkeit gibt es mindestens zwei wichtige Unterschiede. Einer von ihnen betrifft die Haltung zum kritischen Denken. In der Praxis der herkömmlichen Wissenschaft soll der Lernende idealerweise zum kritischen Denken ermutigt werden. In der Anthroposophie wird er idealerweise bei der Unterdrückung des kritischen Denkens unterstützt. Das gilt nicht nur für den Bereich der Hellsicht, sondern auch für die sekundären Arten der okkulten Wissenserlangung:

„Erhält man also solche Wahrheiten mitgeteilt, dann erregen sie in der Seele durch ihre eigene Kraft die Inspiration. Man muss nur versuchen, wenn man solcher Inspiration teilhaftig werden will, diese Erkenntnisse nicht nüchtern und verstandesmässig zu empfangen, sondern sich von dem Hochschwung der Ideen in alle nur möglichen Gefühlserlebnisse versetzen lassen.“22

Der andere wichtige Unterschied betrifft den Zugriff auf die Lehrinhalte. In den herkömmlichen Wissenschaften wird von den Lehrenden erwartet, daß sie die Lernenden dazu ermutigen, soviel in Erfahrung zu bringen, wie sie nur irgend können, sogar über die fortgeschrittensten Bereiche der jeweiligen Wissenschaft. Es wird nicht als gefährlich angesehen, wenn der Physiker im Anfängerstadium sich mit Quantenchromodynamik befaßt, oder wenn der Linguistikstudent sich mit einigen halbentzifferten altertümlichen Hieroglyphen abgibt.

In der Anthroposophie jedoch gibt es strenge Grenzen für das Ausmaß des Wissens, das Nichteingeweihten zugänglich ist. Die physischen Sinne des Schülers selbst verbergen vor ihm „Dinge, welche ihn, unvorbereitet, in masslose Bestürzung versetzen müssten, deren Anblick er nicht ertragen könnte. Diesem Anblick muss der Geheimschüler gewachsen werden.“23 Es ist „ein natürliches Gesetz für alle Eingeweihte“, daß sie niemandem Wissen zugänglich machen, für das er nicht vorbereitet ist.24

„Du magst ihm schmeicheln, du magst ihn foltern: nichts kann ihn bestimmen, dir irgend etwas zu verraten, von dem er weiss, dass es dir nicht verraten werden darf, weil du auf der Stufe deiner Entwicklung dem Geheimnis noch nicht den rechten Empfang in deiner Seele zu bereiten verstehst.“25

3. Nachprüfbare Voraussagen

Steiner zufolge gibt es keine Widersprüche zwischen der Anthroposophie und der herkömmlichen Wissenschaft.

„Mit der naturwissenschaftlichen Tatsachenforschung stehen die Ergebnisse der Geisteswissenschaft nirgends in Widerspruch. Überall, wo man unbefangen auf das Verhältnis der beiden hinsieht, zeigt sich vielmehr für unsere Zeit etwas ganz anderes. Es stellt sich heraus, dass diese Tatsachenforschung hinsteuert zu dem Ziele, das sie in gar nicht zu ferner Zeit in volle Harmonie bringen wird mit dem, was die Geistesforschung aus ihren übersinnlichen Quellen für gewisse Gebiete feststellen muss.“26

Mit anderen Worten, die herkömmliche Wissenschaft zielt darauf ab, Schritt für Schritt wiederzuentdecken, was der Geisteswissenschaft schon lange bekannt ist.

Steiner akzeptierte die empirische Wissenschaft nicht als Maßstab für die Anthroposophie. Seine Vorraussage von der bevorstehenden Konvergenz der herkömmlichen Wissenschaft mit der Anthroposophie weist ihm jedoch eine Position zu, in der seine Behauptungen mit den Ergebnissen der herkömmlichen Wissenschaft verglichen werden können. Sollte sich herausstellen, daß sich die Naturwissenschaften in den 66 Jahren seit seinem Tod auf die Anthroposophie zubewegt haben, würde das sein Wissenskonzept nachhaltig stützen. Wenn sich jedoch die Naturwissenschaft noch weiter von der Anthroposophie entfernt hätte, dann folgte mit Gewißheit, daß Steiners Geheimwissen nicht unfehlbar war.

Es sollte betont werden, daß Steiners Voraussage über die Zukunft der Naturwissenschaft einem Vergleich mit den Ergebnissen der Naturwissenschaft mehr Substanz verleiht als bei anderen spirituellen Lehren. Viele Okkultisten haben sich einem Vergleich mit den Ergebnissen der Naturwissenschaft entzogen, indem sie behaupteten von einer Realität zu sprechen, die mit der physischen Realität nichts gemein hat.

Im folgenden werde ich drei Beispiele betrachten, die aus Steiners Schriften selbst stammen. Beispiel 1 und 2 sind ausgesucht worden, weil sie grundlegende Themen der Naturwissenschaft betreffen. Beispiel 3 wurde gewählt, weil es eine unüblich präzise Voraussage enthält.

Das erste Beispiel betrifft die Struktur der Atome. 1917 behauptete Steiner:

„Die Stoffler – so nennen wir sie einfach – stellen sich vor, die Welt bestände aus Atomen. Was zeigt uns Geisteswissenschaft? Gewiss, die Naturerscheinungen führen uns auf solche Atome zurück, aber was sind sie, diese Atome? … Nach den Stofflern ist der Raum leer, und da drinnen, da wackeln die Atome herum. Also sie sind das allerfesteste. Aber so ist es nicht, das ganze beruht auf Täuschung. Die Atome sind nämlich Blasen vor der imaginativen Erkenntnis, und da, wo der leere Raum ist, da ist die Wirklichkeit; und die Atome bestehen gerade darin, dass sie zu Blasen aufgeblasen sind. Blasen sind das. Da ist gerade nichts, gegenüber ihrer Umgebung. Wissen Sie, wie in einer Selterswasserflasche die Perlen; es ist nichts im Wasser, wo die Perlen sind, aber man sieht dort die Perlen. So sind die Atome Blasen. Da ist der Raum hohl, da ist nichts drinnen.“27

Nach Steiners Voraussage über die Beziehung zwischen der Anthroposophie und den Naturwissenschaften hätten sich die Naturwissenschaften seit 1917 wenigstens ein kleines Stück auf ein Atommodell zubewegen müssen, nach denen die Atome „absolut nichts“ enthalten. Die Kernphysik ist jedoch in die genau entgegengesetzte Richtung gegangen. Vom Standpunkt der Naturwissenschaften ist es, gelinde gesagt, wohlbelegt, daß die Atome keine leeren Blasen sind.

Mein zweites Beispiel betrifft die spezielle Relativitätstheorie. Steiner widmete einen Abschnitt des besagten Vortrags der speziellen Relativitätstheorie. Dieser Abschnitt lautet:

„Denn all der glänzende Unsinn, den man heute z.B. als Realphilosophie verzapft, durch welchen Einstein ein grosser Mann geworden ist, der wird nur zurückgewiesen werden können, wenn man über diese Dinge klare Begriffe haben wird, die den Wirklichkeiten entsprechen. Wissen Sie, die Relativitätstheorie ist ja so einleuchtend. Nicht wahr, man braucht sich nur vorzustellen, dass – nun ja, wenn in einer Entfernung eine Kanone losgeschossen ist, so hört man es erst nach einer bestimmten Zeit. Nun, nehmen wir aber an, wir bewegen uns zur Kanone hin, nicht wahr, so hört man sie früher, weil man ja näher kommt. Nun schliesst der Relativitätstheoretiker: wenn man nun eben so schnell sich bewegt, wie der Schall geht, dann, dann geht man mit dem Schall, dann hört man ihn nicht. Und geht man gar schneller als der Schall, dann hört man etwas, was später abgeschossen wird, früher als das, was früher abgeschossen worden ist. Das ist ja heute eine allgemein angenommene Vorstellung, nur just steht sie nicht im geringsten Verhältnis zur Wirklichkeit. Denn wenn man sich ebenso schnell bewegt, wie der Schall, so kann man selber ein Schall sein, aber man kann keinen Schall hören. Diese ganzen ungesunden Vorstellungen leben aber heute als Relativitätstheorie und geniessen das allergrösste Ansehen.“28

Nach Steiners Voraussage über die Beziehung zwischen der Anthroposophie und den Naturwissenschaften wäre zu erwarten, daß die spezielle Relativitätstheorie eine schwächere Position in der Naturwissenschaft hat als 1917. Das ist jedoch nicht der Fall. Ganz im Gegenteil hat sie durch wiederholte empirische Bestätigungen an wissenschaftlichem Gewicht gewonnen.

Zufälligerweise hat Steiners Aussage über die Relativitätstheorie eine erstaunliche Ähnlichkeit mit den Kenntnissen eines Menschen, dessen Vertrautheit mit der Relativitätstheorie sich auf die Lektüre (und das falsche Verständnis) eines populärwissenschaftlichen Textes bezieht, in dem der Dopplereffekt in Bezug auf das Licht durch einen Vergleich mit Schallwellen erklärt wird.

Steiners Behauptung, daß jemand der sich schallschnell bewegt „keinen Laut hören kann“ muß in ihrem historischen Kontext betrachtet werden. Als er das sagte, wußten Wissenschaftler, daß es nicht richtig war, wohingegen das allgemeine Publikum davon überhaupt nicht sehr viel wußte. Heute, im Zeitalter des Überschallfluges, wird beinahe jeder diese Aussage für falsch halten. Es ist erstaunlich, daß jemand eine Aussage wie diese traf, der doch die Zukunft der Naturwissenschaften vorauszusehen in der Lage war.

Mein drittes und letztes Beispiel betrifft die Therapie der Syphilis. Steiner glaubte fest an den therapeutischen Nutzen der sogenannten Planetenmetalle, Blei und Quecksilber eingeschlossen. Er traf eine sehr genaue Voraussage über den zukünftigen Nutzen des Quecksilbers in der Syphilistherapie:

„Und in Bezug auf eben diese Wirkung des Quecksilbers bei syphilitischen Erkrankungen muss man ja erwähnen, dass in der neueren Zeit vieles an die Stelle von Quecksilber gesetzt worden ist. Die berühmten neueren Mittel, die an die Stelle gesetzt worden sind, nicht wahr, sind aber schon heute durchaus erkannt in ihrer nicht ganz einwandfreien Wirksamkeit, und sehr bald wird die Medizin auch auf diesem Gebiete durchaus wiederum zu den Quecksilberkuren zurückgegangen sein.“29

Beinahe siebzig Jahre später gibt es nicht den geringsten Hinweis darauf, daß sich die Medizin in der Syphilistherapie dem Quecksilber wieder zugewandt hat.

Die Liste der falschen Voraussagen ließe sich bis zum Überdruß verlängern. Aus einer Lektüre von Steiners eigenen Schriften geht klar hervor, daß er mit der Behauptung nicht recht hat, die Naturwissenschaften würden sich dahingehend entwickeln, mehr und mehr seiner Lehren zu bestätigen.

Man kann natürlich behaupten, daß durch Steiners Methode verläßliches Wissen gewonnen werden kann obwohl sie bei ihm oft versagte. Jedoch verleiht dies einem der Probleme aus Abschnitt 2 noch mehr Gewicht. Wenn ich nur weiß, daß meine Visionen korrekt sind, nachdem ich sie mit den Ergebnissen von jemand verglichen habe, der korrekte Visionen hat, und wenn gleichzeitig Steiners Visionen manchmal fehlerhaft sind, wie finde ich dann einen „Vorläufer“, dessen Visionen ich trauen kann?

Ich sehe nur einen möglichen Ausweg für den gläubigen Anthroposophen. Dieser Ausweg besteht darin, Steiners Warnungen vor einer kritischen Haltung gegenüber dem Okkultismus (d.h. gegenüber Steiners Lehren) ernst zu nehmen. Wenn manche von Steiners Aussagen falsch oder widersprüchlich erscheinen, dann ist das nur deswegen so, weil wir sie nicht richtig verstehen. Wo liegt das Problem?

Das Problem liegt darin, daß die Anthroposophie so gut wie nichts mit der Wissenschaft gemein hat.

4. Epilog

Es ist klar, daß aus der nichtwissenschaftlichen Natur der Anthroposophie nicht hervorgeht, daß sie völlig nutzlos ist. In diesem Schlußabschnitt sollen ein paar Dinge über die Gebiete gesagt werden, auf denen Anthroposophie nützlich sein könnte. Die Anthroposophie schließt praktische Methoden und Glaubensgrundsätze ein, und ihre positiven Beiträge sollten in diesen beiden Bereichen gesucht werden.

Die „biodynamische“ Landwirtschaft mag ein Beispiel für eine bekannte Methode der anthroposophischen Praxis sein. Die zwei Hauptunterschiede zwischen biodynamischer und herkömmlicher Landwirtschaft sind a) die Abwesenheit von Kunstdüngern und Pestiziden und b) die Anwesenheit verschiedener magischer Praktiken, so z.B. das Säen und Ernten nach astrologischen Kalendern, das Verstreuen von verbranntem Wühlmausfell zu Vermeidung weiteren Wühlmausbefalls etc. Es gibt nicht den geringsten Grund für die Annahme, daß diese magischen Praktiken der herkömmlichen Landwirtschaft überlegen sind. Tatsächlich wird ein Bauer, der nach der Astrologie erntet anstatt nach der Fruchtreife und dem Wetter, ein weniger erfolgreicher Bauer sein. Andererseits hat die Reduzierung oder die Abschaffung von Kunstdüngern und Pestiziden klare ökologische Vorteile. Auch außerhalb der biodynamischen Bewegung finden diese Veränderungsvorschläge viele Anhänger. Die positiven Aspekte der anthroposophischen Landwirtschaft werden durchsetzungsfähiger sein, wenn sie vom Rest der biodynamischen Lehre getrennt werden.

Dasselbe kann von anderen positiven Bestandteilen gesagt werden, die in weiteren Bereichen der Anthroposophie gefunden werden können, so z.B. in der anthroposophischen Medizin und in der Waldorfpädagogik. Wenn sich positive Bestandteile in der anthroposophischen Praxis finden, kann aus ihnen Nutzen gezogen werden, ohne daß die Anthroposophie als ganzes akzeptiert wird. (Zufälligerweise weiß ich nicht von einem einzigen solchen Bestandteil der anthroposophischen Lehre, der nur von ihr vertreten würde). In anderen Worten: Ein Nicht-Anthroposoph, der nützliche Anteile an der Anthroposophie ausmacht, braucht weder die Lehren noch die Organisation der Anthroposophie, um aus diesen Anteilen auch wirklich Nutzen zu ziehen.

In welcher Hinsicht, so meine letzte Frage, können die Glaubensgrundsätze der Anthroposophie von einem grundsätzlich positiven Wert sein? Wie aus dem Obigen hervorgegangen sein sollte, sind diese Glaubensgrundsätze weniger nützlich als die Wissenschaft – oder der wissenschaftlich orientierte gesunde Menschenverstand – um mit der empirischen Realität fertig zu werden. Was dann noch bleibt, sind im Kern die Funktionen, die üblicherweise die Religion für sich in Anspruch nimmt: Trost zu spenden, Sinn zu geben, die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod zu wecken, der Moral ein Fundament zu schaffen.

Es ist dies nicht der Ort, um über die Vor- und Nachteile der Religion zu debattieren. Es soll nur zugegeben werden, daß die Anthroposophie nicht schlechter als die großen traditionellen Religionen ausgerüstet ist, um „religiöse Bedürfnisse“ zu erfüllen. Jedoch würde eine Verteidigung der Anthroposophie nach diesem Strickmuster ihren eigenen Lehren widersprechen, denn die Bewegung lehnt es ab, sich als eine Religion bezeichnen zu lassen.

Bemerkung zu den Quellen und zur Übersetzung

[1] Dieser Text wurde aus dem Englischen übersetzt. In den folgenden Fußnoten werden aber die deutschen Originalquellen belegt.

Die Abkürzungen in den Quellenangaben beziehen sich auf folgende Werke:

Akasha: Rudolf Steiner, Aus der Akasha-Chronik, Dornach, ohne Datum.
Geheimw: Rudolf Steiner, Die Geheimwissenschaft im Umriss, Leipzig 1920.
Stufen: Rudolf Steiner, Die Stufen der höheren Erkenntnis, Dornach 1931.
Wie erlangt: Rudolf Steiner, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?, Berlin 1918.

[2] „Göttliche Wissenschaft“ belegt in: Wie erlangt, S. 25
[3] Geheimw, S. 4
[4] Wie erlangt, S. 61
[5] Wie erlangt, S. 4f.
[6] Wie erlangt, S. 6
[7] Wie erlangt, S. 47 ff.
[8] Wie erlangt, S. 32f.
[9] Rudolf Steiner, Meditation und Konzentration. Die drei Arten des Hellsehens, Dornach 1935, S. 33
[10] Geheimw, S. 10
[11] Wie erlangt, S. 159
[12] Wie erlangt, S. 148
[13] Akasha, S. 2f.
[14] Akasha, S. 3
[15] Wie erlangt, S. 32
[16] Akasha, S. 3
[17] Geheimw, S. 14ff.
[18] Stufen, S. 65
[19] Geheimw, S. 21
[20] Stufen, S. 69
[21] Wie erlangt, S. X
[22] Stufen, S. 66
[23] Wie erlangt, S. 58
[24] Wie erlangt, S. 3
[25] Wie erlangt, S. 3f.
[26] Akasha, S. 227
[27] Rudolf Steiner, Das Karma des Materialismus, Berliner Vorträge, gehalten im August und September 1917, Berlin 1922, Vortrag 2, S. 14-15f.
[28] Ibid., S. 2:16
[29] Rudolf Steiner, Über Gesundheit und Krankheit, Vorträge 1922 and 1923, zit. nach Franz Stratmann, Zum Einfluss der Anthroposophie in der Medizin, München 1988, S. 39


Nuklearer Weltenplan

Veröffentlicht: 24. Februar 2013 in Geisteswissenschaft

Immer peter_um_1975wieder erstaunt, wie sich auch naturwissenschaftlich, mathematisch und philosophisch gebildete Köpfe der Anthroposophie öffnen und sich auf den kruden Erkenntnisweg von Meister Steiner begeben. Aber nur mit Gleichgesinnten reden sie darüber. Wie der Anthroposoph Peter von Siemens, Atomkraftwerk-Exporteur und ehemaliger Vorsitzender der Weltenergiekonferenz. Den Kernkrafthandel des Hauses Siemens hat er fortgeschrittenen Steiner-Jüngern folgendermassen erklärt:

„Der Weltenplan, von dem Rudolf Steiner gesprochen hat, vollzieht sich unerbittlich. In der Mitte des  vierten Jahrtausends … wird die Erde beginnen, sich zu astralisieren, das heisst, sie wird in eine Form der Schwerelosigkeit übergehen. Wenn wir jetzt in sehr vorsichtiger Form gewisse erste Stufen … der Dritten Kraft für Energiezwecke verwenden, so vermag ich darin nichts Verwerfliches … zu sehen. „

Peter von Siemens wurde von Carl Albert Friedenreich „im Zeichen unserer eng und vertrauensvoll gewordenen Freundschaft“ in die Anthroposophie eingeführt. Es öffneten sich ihm „tiefe Einblicke in das Wesen der Anthroposophie und ihres Schöpfers“.  Der tiefere Sinn des Daseins offenbarte sich ihm, „zugleich wurde mir mit dem Studium der ‚Geheimwissenschaft im Umriss‘ Sinn und Zweck der Menschheitsentwicklung klar, und der Weltenplan tat sich in seiner Grösse vor mir auf. Hierbei wurde der Blick für die Aufgaben einer jeden Epoche geschärft und die Einsicht fundiert, dass nichts zu früh, aber auch nichts zu spät geschehen darf, wenn das Ganze nicht Schaden erleiden soll; und dass wir durch die Einwirkung der Widersachermächte ständig eine Gratwanderung zwischen widersprüchlichen Extremen zu vollziehen haben.“ Dank der für ihn damit verbundenen „meditativen Beschäftigung“, sagte er, habe er in sich „den klaren Eindruck fundiert“, dass der „Herrscher der festen Materie, Ahriman“ die Elektrizität, den Magnetismus und die Atomenergie „eingemacht hat“.  Kernkraftnutzung, darauf läuft seine Elektro-Esoterik hinaus, sei durchaus im Sinn von Rudolf Steiner, damit „die Erde stufenweise in neue Daseinsformen überführt werde“.

In der Folge versuchten führende Anthroposophen die Aussagen des Herrn von Siemens zu mildern, wohl wissend, dass sich grosse Anteile ihrer Gemeinde aus dem atomkritischen linksliberalen Lager rekrutieren. Mit der „dritten Kraft“ habe Rudolf Steiner nicht die Kernenergie gemeint! Er habe überhaupt nicht gesagt, was er damit gemeint hat.

Es bleibt der etwas fahle Nachgeschmack, dass es sich Anthroposophen bei der Frage nach langlebigen Endlagern für radioaktiven Abfall wohl etwas einfacher machen können. Plutonium hat eine Halbwertszeit von etwa 24’000 Jahren, nach Steiner astralisiert sich die Erde jedoch bereits im Jahr 3573.

First_GoetheanumWer anthroposophische „Menschlichkeit“ tiefer ergründen will, kommt um die Geschichte des kleinen Theo Faiss nicht herum. Der Fall ereignete sich 1914 während dem Bau des ersten Goetheanums, als an einem Herbstnachmittag der kleine Theo vermisst und schliesslich tot aufgefunden wurde.  Ein Möbelwagen war umgestürzt und hatte den siebenjährigen Jungen unter sich erdrückt. Rudolf Steiner äusserte sich zu dem tragischen Unfall wie folgt:

„Wir haben in Dornach im Herbst einen solchen Schicksalsschlag erlebt, der im bedeutungsvollsten Sinne lehrreich ist. Der kleine, siebenjährige Sohn unseres Mitgliedes, Theo Faiß, der ein außerordentlich liebes, aufgewecktes Kind war, wurde eines Abends vermißt. Es war gerade an einem Vortragsabend. Die Mutter suchte das Kind, es war nicht zu finden. Und als der Vortrag vorbei war, da hörte man eigentlich erst, daß die Mutter den Knaben vermisse, und man konnte sich nichts anderes denken, als daß der Tod des Knaben in Zusammenhang stände mit dem Umfallen eines Möbelwagens. Ein Mitglied unserer Gesellschaft hatte ihre Möbel in einem Möbeiwagen schicken lassen, und dieser Möbelwagen war an dem Abend an der Stelle, wo er stand, umgefallen. Es war zehn ein Viertel Uhr des Abends und wir wendeten alles mögliche an, um den Wagen zu heben. Das mobillsierte Militär kam uns entgegen, um uns zu helfen, diesen Möbelwagen aufzuheben. Der Möbeiwagen wurde gehoben, und man fand den Knaben erdrückt unter dem Wagen. Nun bedenken Sie, in dieser Gegend ist überhaupt vorher niemals ein Möbelwagen gefah­ren; nachher auch nicht. Der Knabe ist, man konnte das später kon­statieren durch alles Mögliche, was man so Zwischenfälle und Zufälle nennt, gerade in der Zeit – es hat sich ja nur um Minuten, ja um einen Augenblick gehandelt – dort an der Stelle gewesen, wo der Möbelwagen umfiel. Merkwürdig war es allerdings, daß zunächst diejenigen, die an der Stelle waren, wo der Wagen umgefallen ist, nur daran ge­dacht haben, die Pferde in Sicherheit zu bringen. Man hatte keine Ahnung, daß der Möbelwagen auf den kleinen Knaben gefallen war.
Das Kind war also tot. Die äußere materialistische Anschauung kann sagen: Nun ja, zufällig ist dort zu dieser Stunde der Möbelwagen umgefallen, das Kind kam darunter und wurde zerquetscht. So wird natürlich die materialistische Anschauung sagen. Vor der spiri­tuellen Anschauung ist das ein vollständiger Unsinn. Denn das, was da vorliegt, ist das Karma des Kindes, und dieses Karma des Kindes lenkte all die einzelnen Verhältnisse. Es hat auch den Möbelwagen dorthin gelenkt gerade zu der Stunde, wo das Kind den Tod brauchte, weil das Karma des Kindes es so wollte. Das Karma des Kindes war abgelaufen. Wir haben es hier zu tun mit der Notwendigkeit, Ursache und Wirkung wirklich umzukehren.“
Rudolf Steiner, Das Geheimnis des Todes, SE159 Seite 42

Der kleine Theo „brauchte“ also nach Steiner seinen Tod, als er gerade zu der Stunde den ihn zerdrückenden Möbelwagen an die Stelle lenkte, an der er damals spielte. Vermutlich hätten Sie und ich nach einem solch tragischen Ereignis untersucht, wie es dazu kommen konnte und wir hätten alle Vorkehrungen getroffen, damit sich so etwas nicht mehr wiederholen kann. Aber das wäre aus Rudolf Steiners Sicht „materialistisch“ und „vollständiger Unsinn“, denn das Karma lässt sich nicht aufhalten.

Doch die Geschichte geht weiter, indem Rudolf Steiner den Tod des kleinen Theos als „Opfer“ für den Bau des Goetheanums und somit für die anthroposophische Sache feiert:

„Denken Sie sich, was da hinter den äusseren Tatsachen für bedeutungsvolle innere Tatsachen stehen: Eine Familie verlegt ihren Wohnsitz in die Nähe des Baues. Da ist ein Knabe, durch sein Seelenwesen besonders veranlagt; er opfert seinen Ätherleib hin, damit der Bau eingehüllt ist in die Kraft dieses Ätherleibes. Da haben wir ein solches Beispiel, an dem wir ersehen, wie unverbrauchte Ätherleiber, die hingeopfert werden, ihre Aufgabe in der Welt haben.“  (ebd, S. 242)

Der Sinn des frühen Ablebens von Theo war also, mit seinem „unverbrauchten Ätherleib“ den Bau des Anthroposophentempels einzuhüllen. Weder Steiners „Hellsichtigkeit“ noch Theos „Hinopferung“ vermochten jedoch das aus Holz gebaute erste Goetheanum vor einem Brand in der Silvesternacht 1922 zu schützen. Obwohl Steiners hellseherische Fähigkeiten gerade anhand dieses Falles bezweifelt werden müssten, massen sich anthroposophisch Eingeweihte kein solches Urteil über ihren geliebten, wirren Führer an – ganz im Gegenteil! So berichtet Ehrenfried E. Pfeiffer in seinem Buch „Ein Leben für den Geist“:

„Während der Nacht machte er starke Kämpfe durch, denn er sah den Brand des Goetheanums voraus.“

Weiter berichtet Ehrenfried Pfeiffer das Folgende:

Als später die Versicherungsfragen besprochen und erledigt wurden und man Zeugen vernahm, fragte ein Schadensachverständiger Rudolf Steiner in wenig taktvoller Weise: ‚Es ist bekannt, dass Sie hellsichtig sind. Warum haben Sie Ihre Hellsichtigkeit nicht dazu benutzt, den ursprünglichen Brandherd zu entdecken und die Mannschaft auf direktem Weg dahinzuführen, statt kostbare Augenblicke zu verlieren?‘ Worauf Rudolf Steiner antwortete: „Wenn man geistigen Prinzipien dient, wie ich es tue, dann ist man dazu verpflichtet, alles mögliche Wissen der Rettung eines gefährdeten Menschenlebens zur Verfügung zu stellen, selbst wenn einem dabei das eigene Leben und Werk vernichtet wird.“

Steiner war also hellsichtig (und dies kräftig), aber er wollte diese seine seltene Gabe nicht missbrauchen um am Schicksal zu drehen. Auch nicht für den Uhrmacher Jakob Ott, der damals bei dem Brand ums Leben kam. Ehrenfried Pfeiffer sucht in seinem Buch auch nach Gründen, warum Steiner niemanden in seine Schauungen einweihte:

Wer über diese Mitteilungen nachdenkt, wird vielleicht zur Frage kommen: Weshalb teilte Rudolf Steiner diese Sachverhalte seinen Schülern oder Freunden nicht ganz offen mit? Die Antwort liegt wahrscheinlich darin, daß er dann wohl kaum noch einen Vortrag vor gelassenen Gemütern hätte halten können.“

Guenther Wachsmuth schreibt in seinem Werk „Die Geburt der Geisteswissenschaft (1941)“ folgendes:

Es sei darum hier auch eine Antwort erwähnt, die Rudolf Steiner einmal im persönlichen Gespräch gab, als ich ihm erzählte, daß einzelne verständnislose Zeitgenossen aus der Umwelt die Frage erörtert hätten, warum er wohl trotz der Gabe der Hellsichtigkeit einen solchen Schicksalsschlag nicht selbst verhindert hätte. Er antwortete mir auf diesen Bericht hin, daß jene Menschen, die so argumentierten, offensichtlich weder das Wesen der geistigen Führung, noch das Wesen der Hellsichtigkeit erfaßt hätten. […] Er gebrauchte dabei den folgenden anschaulichen Vergleich: Wenn Sie z.B. abends in Ihr Zimmer gehen und nicht unters Bett schauen und durch dieses Nichthinschauen nichtwahrnehmen, daß unter Ihrem Bett ein Einbrecher liegt, so beweist dies ja nicht, daß sie keine guten Augen haben […] Der geistigen Gesetzen folgende Hellsichtige werde aber seinen Blick zuletzt auf das richten, was ihn selber betreffe oder gegen ihn selbst gerichtet sein könnte, sondern werde seine ganze Kraft und Schau auf das konzentrieren, was die Allgemeinheit betreffe und vor allem nach dem suchen und schauen, was zum Fortgang der geistigen Forschung erforderlich sei.“
Guenther Wachsmuth, Die Geburt der Geisteswissenschaft (1941), Seite 532f

1924 wird daher mit dem Bau eines neuen, noch grösseren Anthroposophen-Tempels am selben Ort in Dornach begonnen, diesmal setzt Rudolf Steiner jedoch auf Beton als Baumaterial.

Wer denkt, dass solch wirre Vorstellungen von Kinderopfern aus der damaligen Zeit stammen und in der heutigen anthroposophischen Gesellschaft ausgedient hätten, irrt. Anlässlich des hundertsten Geburtstages von Theo Faiss erinnerte die Leiterin der „Sektion für schöne Wissenschaften“ der „Freien Hochschule für Geisteswissenschaften“ am Goetheanum, Martina Maria Sam mit Vorträgen und Publikationen an dessen „Opfer“ zugunsten des ersten Dornacher Tempels und präsentiert das verstorbene Kind als Trophäe der „geistigen Bewegung“. Ganz in der Tradition des grossen Meisters hält Frau Sam Theos qualvolles Ende für einen nur „tragisch anmutenden Unfalltod„. Zur Frage, warum das erste Goetheanum trotz Theos Opfer abbrannte (oder in der Sprache von Frau Sam: Wieso konnten „die Feuerfunken in den ersten Bau einschlagen“?) sinniert sie:

„Hatte der Ätherleib des Knaben den Bau nicht zu schützen vermocht? Eine Antwort darauf kann nicht leicht gegeben werden.“
Das Goetheanum, 29.06.2007

Sie vermutet, dass „nicht nur äussere Gründe“ den Brand ermöglicht haben, weil sich die Anthroposophische Gesellschaft damals in einem sehr „desolaten“ Zustand befunden habe:

„In diesem sozial-geistigen Zustand hätte wohl keine noch so hohe Macht den Brand verhindern können.“ (ebd.)

Mit anderen Worten: Theo war absolut chancenlos in Bezug auf diese ihm von Steiner zugedachte Aufgabe! Doch was ist nach seinem frühen Tod mit Theos „Individualität“ passiert? Eigentlich sollte das Beantworten dieser Frage für Anthroposophen ein Leichtes sein, können doch ihre Ärzte auf bis zu vier vergangene Leben schauen, um das ganze Krankheitsbild zu erfassen und anthroposophische Lehrer mit einem Blick einschätzen, welches Karma der Sprössling in sich trägt. Doch hier fällt die Beurteilung schwer, weil Meister Steiner keine Aussagen mehr dazu machte. Deshalb orakelt Martina Maria Sam:

„Was Theos Individualität mit und nach dem Brand erlebte, welche Metamorphose seine Aufgabe erhielt, darüber haben wir keine direkten Aussagen Rudolf Steiners.“  (ebd.)

So tappen sie weiterhin im Dunkeln und deuteln anhand der indirekten Aussagen Steiners, ob das Beton-Goetheanum weiterhin von Theos Geist inspiriert ist oder nicht. Solch „geistige Freiheit“ verleiht der anthroposophischen Bewegung phantastische Flügel und Vermutungen können ungebremst wuchern. Martina Maria Sam greift deshalb die Idee eines anderen Anthroposophen auf:

„Lex Bos vermutete, dass nach der Zerstörung des physischen Goetheanums die Individualität Theos auch daran teil hatte, Rudolf Steiner die Inspiration des geistigen Goetheanums, die Worte der Grundsteinlegung, zukommenzulassen.“ (ebd.)

So hat der tragische Tod Theos, zumindest in den Köpfen von Steiners Jüngern, doch noch Verwendung und einen „höheren Sinn“ gefunden.