Mit ‘Sinneswahrnehmungen’ getaggte Beiträge

judith-von-halle2Die Anthroposophin Judith von Halle behauptet, seit Ostern 2004 nichts mehr zu essen. Nicht einmal Zahnpasta könne sie verwenden, da die winzigen Mengen des darin enthaltenen Alkohols ihrem Organismus „heftigste Vergiftungserscheinungen“ provoziere. Auch hätten sich nach dem Einstellen der Nahrungsaufnahme ihre Sinneswahrnehmungen geschärft wie bei einem Raubtier. So könne sie über hunderte Meter Entfernung hören, was gesprochen würde und erfühlen, „was in einem fremden Organismus durch den Ernährungsprozess vor sich geht, was vor vielen Stunden gegessen wurde, woher die Nahrungsmittel stammten, welche Beschaffenheit sie hatten, wie sie verarbeitet wurden“. Sie vermöge über ihren „Geruchssinn“ festzustellen, ob ein „erhöhter Eisengehalt“ im Blut eines anderen Menschen vorliege.

Das ist doch schon mal was, mag der geneigte Leser denken, doch damit nicht genug! Alsbald, so gibt sie vor, hätten sich bei ihr die Wundmale von Christus, sogenannte Stigmata, gezeigt. Zunächst an den Innenflächen der Hände, dann an den Handrücken, einige Tage später an den Ober- und Unterseiten der Füsse sowie unterhalb der rechten Brust. Sie habe am eigenen Leib den Leidensweg Jesu nach Golgatha nachempfunden – einschliesslich „der stundenlangen Misshandlungen, Folterungen, schliesslich der Kreuzigung und des Todeskampfes“. Die verstörenden Vorgänge an sich selbst erklärt sie mit den Lehren von Rudolf Steiner. Demnach müsse ihr stigmatisierte Körper „derjenige Leib sein, der den Menschen über die Erdentwicklung hinaus in das Jupiter-Dasein trägt“. Wie der Meister selbst hat sie „Schauungen“ und unternimmt „geistige Zeitreisen“. Im Herbst 2009 behauptete von Halle in einem Vortrag, dass die Infektionskrankheit AIDS die Folge des Glaubens sei, dass der Mensch „vom Affen abstamme“. Die Krankheit Demenz sei die Folge eines „fehlgeleiteten Zeitgeistes“.[1]

Ihre Aussagen führten in der anthroposophischen Szene zu heller Aufregung. Während eine Fraktion Frau von Halle für die Reinkarnation der legendären Ärztin und Steiner-Vertrauten Ita Wegman hält, bringen sie andere mit der Bildhauerin Edith Maryon in Verbindung, die ebenfalls zum innersten Kreis um Rudolf Steiner gehörte. Gemässigtere Anthroposophen begegnen den Phänomenen mit schroffer Ablehnung („Das hat mit Anthroposophie nichts zu tun“). Eine eingesetzte Kommission kam zu dem Ergebnis, dass von Halle Fördergelder zustünden, damit sie ihr Blut- und Hungerleiden in einer Arbeitsgruppe aufarbeiten könne.

Schauen Sie bitte nicht mich als einen Menschen an, an dem ein schier unerklär­liches Wunder wirkt. Bitte schauen Sie auf die geistigen Tatsachen, die diesem Phä­nomen zugrunde liegen. Jede Darstellung über die Ereignisse soll nicht meine Person in den Vordergrund rücken. Da sich diese Ereignisse an mir vollziehen, sind sie mit meinem Wesen verknüpft. Doch es ist stets Christus selbst, der Sie ganz persönlich – in Liebe – anspricht, wenn Sie sich mit diesem Stigmatisations‑Ereignis auseinanderset­zen, das innerhalb der Anthroposophi­schen Gesellschaft aufgetreten ist, indem Er durch Seine Gnade, durch die Lenkung und Stützung Ihres Karmas, Sie selbst zu Zeugen werden lässt von Seinem Gang durch die Erdenwelt, von Seiner Authenti­zität, von Seiner Allgegenwart.
Aus einem Rundbrief von Judith von Halle von September 2004 an die Vertreter der An­throposophischen Gesellschaft

Solcherlei Fragestellungen werfen das Licht auf einen spannenden Aspekt der anthroposophischen Wahnwelt. Alles ist irgendwie möglich und verdient, „untersucht“ zu werden. Geübt im Unterdrücken aller kritischen Fragestellungen saugen Steiners Jünger gierig in sich auf, was skuril und somit „übersinnlich“ erscheint.

Aus dem SPIEGEL: „Eine Berliner Anthroposophin behauptet, seit vier Jahren nichts gegessen zu haben“
http://www.spiegel.de/spiegel/a-568508.html

ZEIT ONLINE: „Das Wunder von Dornach“
http://community.zeit.de/user/amelizieseni%C3%9F/beitrag/2010/01/31/das-wunder-von-dornach

netzhaeuter.de: „Selber denken oder denken lassen“
http://www.netzhaeuter.de/veranstaltungen/selber-denken-oder-denken-lassen

Spatz online: „In Dornach ist der Teufel los“
http://www.spatzbasel.ch/titel-story/in-dornach-ist-der-teufel-los/